TAYAD

Vereinigung für Solidarität mit den Gefangenen Familien

Oct 24, 2016

Tayad

solidaritaet.jpgIn Deutschland bestehen die größten Ausländergruppen aus türkischen Einwohnern. Von rund 7 Millionen ausländischen Einwohnern sind es fast 1,8 Millionen türkische Staatsangehörige. In einem Zehnjahreszeitraum wurden fast 800.000 Personen mit türkischem Migrationshintergrund eingebürgert. Ebenso Kinder türkischer Eltern, die in Deutschland geboren wurden und die deutsche Staatsbürgerschaft ohne Einbürgerungsantrag erhielten. Türkischen linksextremistischen Organisationen im Bundesgebiet gehören ungefähr 3.150 Personen an. Die feststellbaren linksextremistischen türkischen Gruppierungen, bei denen die Größenordnung, Bedeutung und Aktivitäten unterschiedlich ausfallen, sind überwiegend in der Türkei verwurzelt. Der Ursprung ist hauptsächlich auf den Marxismus-Leninismus in den 1960er und 1970er Jahre in der Türkei zurückzuführen. Türkische Linksextremisten wollen die Gesellschaftsordnung in der Türkei und politische Führung destabilisieren und überwinden. Die politische Hetze richtet sich überwiegend gegen das türkische System von Staat und Verfassung, den Einfluss vom türkischen Militär und gegen die diffamierte Regierung. Alle linksextremistischen Vereinigungen aus der Türkei sind sich im Kampf gegen den „Imperialismus“ einig. Für Mittel, um die angestrebten Ziele zu erreichen, sind in deren Auffassungen recht unterschiedlich. Sei es wie in der Türkei mit Terroranschlägen, militanten Aktionen oder friedlicher Agitation.

Warum wurde Deutschland ein Tayad- Solidaritätsverein gegründet?

In der Türkei verzeichnet Tayad eine lange Tradition und diese reicht bis Anfang der 80er Jahre zurück. Es herrschte nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 totales Schweigen. In Haft kamen über 260 000 Menschen. Menschen wurden täglich auf der Straße getötet. In Gefängnissen waren Demütigungen und Folter an der Tagesordnung. Am stärksten waren politische Gefangene diesen Angriffen ausgesetzt. Angehörige und Freund schlossen sich in Tayad zusammen und protestierten gegen die unmenschlichen Haftbedingungen. Tayad-Mitglieder setzten sich seit dem Zeitpunkt kontinuierlich für die Rechte der Gefangenen ein. In Europa gibt es ebenfalls politische Gefangene, so wurde Tayad zum Vorbild genommen und eine Angehörigenorganisation aufgebaut. Mit diesem Schritt sollen der von Repression bedrohten Organisation ideell und materiell Unterstützungen zu Teil werden. Gemeinsam mit entlassenen Häftlingen beteiligen sich Tayad-Angehörige am Todesfasten und Hungerstreik in dem Istanbuler Armenviertel Armutlu. Zehn Tayad-Mitglieder befinden sich zurzeit im Hungerstreik, verstorben sind in den letzten Monaten fünf Menschen durch das Todesfasten.

Zur den Aktivitäten von Tayad zählen:

  • Öffentlichkeitsarbeit der Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. Schwerpunkt Gefängnisse.
  • Solidaritätshungerstreiks, Kundgebungen, Demonstrationen, Infoveranstaltungen bundesweit.
  • Delegationen in die Türkei entsenden, um Öffentlichkeit in Europa zu schaffen.
  • Familien und Angehörige von Gefangenen in Europa zu betreuen.
  • Finanzielle Unterstützung der Tayad in der Türkei, wie Medizin, Kosten für den Anwalt und weiteres.

Wie geht der türkische Staat mit Todesfasten um?

Der türkische Staat wollte das Todesfasten trotz ständiger Angriffe und Zwangsernährung unterbinden und weitere Repression sind die Reaktionen. Antiterroreinheiten und Polizei riegelten wochenlang den Stadtteil Armutlu ab. Personenkontrollen wurden durchgeführt und es kam zu Inhaftierungen der Besucher von Hungerstreikenden. Verhaftet wurde auch der Tayadvorsitzende Tekkim Tangun, weil er der linken Wochenzeitung Vatan ein Interview abgeben wollte. Daraufhin sind 15 Mitarbeiter der Zeitung festgenommen. In Izmir haben mit Messer und Schlagstöcken bewaffnete Polizisten eine Wohnung gestürmt. In der Wohnung hielten sich Hungerstreikende auf. Die Polizei entführte anschließend das Tayad-Mitglied Ali Kocak. Gleichzeitig begann eine Gerichtsverhandlung gegen Gefangene aus den Gefängnis Bayrambasa, da sie sich gegen Angriffe des Militärs gewehrt haben.

Muss mit einer weiteren Verschärfung der Repression in der Türkei gerechnet werden?

Vom Staat werden Vorbereitungen getroffen, um Häuser zu stürmen, in denen Tayad-Angehörige einen Hungerstreik durchführen. Bei dieser Aktion wird mit Toten gerechnet. Hungerstreikende in Freiheit und im Gefängnis erklärten sich bereit, sich gegen diesen Angriff zur Wehr zu setzen.

Sind im Ausland Solidaritätsaktionen geplant?

Am 15. August war in der Türkei der 300. Tag von Hungerstreik und Todesfasten. Menschen in ganz Europa wurden daher zu einem dreitägigen Hungerstreik aufgerufen. Verschiedene europäische Länder nahmen am befristeten Solidaritätshungerstreik teil. Sogar in der in der Schweiz, Österreich, Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland kam es zu dieser Aktion. In Frankfurt/Main begann am Wochenende ein 15-tägiger Hungerstreik und wurde in Köln und Strasbourg fortgesetzt. Ab dem 10. Juli befand sich in Zürich Cemile Ayyildiz in einem unbefristeten Hungerstreik. Als Mutter von drei Kindern protestierte sie damit gegen das weitgehende europäische Schweigen und den Zuständen in der Türkei.

Welche Perspektive hat der Kampf der Gefangenen nach einer so langen Zeit überhaupt noch?

Die Gefangenen gaben an, dass diese Aktion bis zur Schließung der Isolationsgefängnisse und Militärgerichte weitergehen würde. Vom Staat wurden diese Forderungen ignoriert und dieser versuchte stattdessen den Widerstand zu zerschlagen. Für diesen Widerstand mussten die Gefangenen bereits einen sehr hohen Preis bezahlen, dennoch wurde die Aktion bis zur Erfüllung ihrer Forderungen fortgesetzt.

Dürfen Gefangene ins Internet und shoppen?

Nein, Gefangene dürfen nicht ins Internet und shoppen. Einige Ausnahmen erlauben Fernseher in Gefängniszellen. Allerdings werden die empfangbaren programme stark reguliert. Da es für Gefangene meist nicht möglich ist, beispielsweise einen Zooplus Gutschein einzulösen, sind sie nahezu komplett von der Außenwelt abgeschlossen. Interessant wäre der Zooplus Gutschein vor allem dann, wenn den Gefangenen Haustiere erlaubt sind. Andererseits könnten sie leicht Fluchtversuche vorbereiten und erfolgreich durchführen. Auch die zu empfangende Post wird stark kontrolliert und oftmals den Gefangenen überhaupt nicht zu gestellt.